Auf Ecuador Reisen sind es für uns vor allem die kleinen Wunder, die den Zauber dieses Landes ausmachen. Abseits der Touristenmagnete Galápagos und Amazonas – ohne Zweifel absolut beeindruckend – bietet es reichlich davon. So wie diesen: Wir stehen auf der Äquatorlinie, konzentriert, beide Hände ruhig – und tatsächlich: Das Ei balanciert. Auf einem simplen Nagelkopf. Der Äquator verläuft hier durch einen unscheinbaren Garten im Intiñan-Museum bei Quito.
EIN EI WIRD ZUM ERLEBNIS
Ob das Ei aufgrund der Corioliskraft, die dafür sorgt, das sich Teilchen links und rechts der Nulllinie in entgegengesetzte Richtungen bewegen, so mühelos stillsteht? Mag sein. Sicher ist: Dieser Moment bringt ein kindliches Staunen zurück. Und es warten noch viele weitere dieser Art auf uns, auf dieser Reise ins Herz der Anden. Es ist eine Reise in ein Ecuador für alle, die gerne abseits der ausgetretenen Pfade wandeln, die das Besondere im Detail schätzen und für die der wahre Luxus im Erleben liegt.
QUITO – DER PERFEKTE AUFTAKT
Geschichte & Lebenskunst
Ein Spaziergang durch die Gassen der Stadt, die als erste zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde, führt entlang zahlreicher Sehenswürdigkeiten mit kolonialer Handschrift, vor allem Kirchen aus dem 16. und 17. Jahrhundert mit vergoldeten Altären, barocken Fresken und schweren Holzportalen. Doch es sind nicht nur die Monumente, die fesseln – es sind besonders die Sinneseindrücke, die beim Sichtreibenlassen auf den Besucher mit offenen Augen und offenem Herzen einströmen. Szenen des Alltags auf einem traditionellen Markt, wo mich eine alte Frau mit Blumen segnet, ein Moment der Ruhe in einem idyllischen Park oder lokale Geschmacksexplosionen – die Wunder liegen im augenscheinlich Einfachen.
Schokolade & Hochprozentiges
Wir verkosten Schokolade, die lokal produziert und geschmacklich so komplex ist, dass wir uns fragen, ob wir je wirklich gute Schokolade gegessen haben. Danach besuchen wir eine Distillerie für Agavenschnaps und erfahren, wie aus den Hochland-Agaven im Garten der klare, fast rauchige Agaven-Brand entsteht. Beim anschließenden Cocktailmixen zauberen wir unsere eigenen Kreationen rund um die feine Spirituose. Am Abend lockt Quito mit dem Duft von Gegrilltem und einer lebensbejahenden Wärme, die auch nach Sonnenuntergang anhält. Der Nebelwald ringsum hüllt sich in geheimnisvolle Schwaden, bereit, sich Erkundungsfreudigen am nächsten Tag bei Wanderungen in all seinen Facetten zu zeigen.
DIE STRASSE DER VULKANE – WANDELBARE NATUR
Mit unserem privaten Fahrer und Guide, der uns die ganze Reise über begleitet, geht es für uns weiter in Richtung eines der fantastischsten Naturphänomene eines Landes, das auf vergleichsweise kleiner Fläche unglaublich reich an selbigen ist – Stichwort Galápagos und Amazonas. Dieses jedoch, die Avenida de los Volcanes im Andenhochland, steht meist nicht an erster Stelle auf der Must-see-Liste von Ecuador Reisenden. So offenbart die Vulkankette mit ihren vielfältigen Landschaften ihren Zauber jenen, die genauer hinschauen und sich nicht nur von imposanten Gipfeln, sondern auch von zarten Pflänzchen und kleinen Geschöpfen begeistern lassen.
Paradies der Vögel
Ecuador beheimatet fast 1.700 Vogelarten – das sind mehr als doppelt so viele wie in Europa und Nordamerika zusammen! Für Hobby-Ornithologen ein Traum. Unsere Herzen schlagen höher beim Gedanken an einzigartige Wanderungen und Gelegenheiten für Naturfotografie im Vulkangebiet. Von Nebelwäldern am Fuß der Berge und natürlichen “Fantasiegärten” voller Farne, Bromelien, Moose und Flechten über mystische Vulkanebenen mit Schotter und Wiesen bis zu Kraterseen und schneebedeckten Gipfelregionen hält es alles bereit. Zahlreiche Schutzgebiete und Reservate in der Umgebung versprechen Naturerlebnisse ohne Ende.
Cotopaxi: Schottland oder Ecuador?
Unsere Unterkunft am Cotopaxi, einem der berühmtesten und höchsten aktiven Vulkane der Welt, liegt auf rund 3.000 Metern Höhe: die Chilcabamba Mountain Lodge Cotopaxi. Sie ist eher einfach, aber behaglich. Abends knistert das Kaminfeuer in meinem Zimmer und am Morgen begrüßt uns der imposante Vulkan, sobald sich der Vorhang aus Nebel lichtet. Bei unserer heutigen Wanderung fühlen wir uns aufgrund der weitläufigen Hügeligkeit und rauen Romantik der Natur teilweise an Schottland erinnert.
Chimborazo: Höhenluft & Momente fürs Herz
Während es auf dem Weg zum nächsten Ziel, dem Chimborazo, höher hinaus geht, lassen die Lamas und Alpakas am Straßenrand keinen Zweifel daran, wo wir uns tatsächlich befinden. Vorbei an den Silhouetten weiterer Vulkane in der Ferne – einer erinnert an eine liegende Frau – fahren wir ein Stück, um dann wieder zu einer Wanderung aufzubrechen. Beeindruckende Gesteinsformationen, deren gut sichtbare Schichten von der teils jungen Geschichte der aktiven Vulkanlandschaft erzählen, pflastern unseren Weg. Der Chimborazo ist der höchste Berg Ecuadors. Bis auf 5.000 Meter steigen wir auf. Die dünne Luft ist herausfordernd. Da ist die Rast an einer Berghütte genau richtig, um den müden Füßen eine Pause zu gönnen.
Der Luxus des Einfachen
Wer in dieser Gegend 5-Sterne-Luxus sucht, für den ist diese Reise eher nicht die richtige. Wer aber in der Stille der Natur und den kleinen Freuden im Leben völlig aufgeht, für den kann sie die Erfüllung sein. So wie in unserer nächsten Unterkunft – einer urigen, einfachen Lodge dekoriert mit alten Nähmaschinen und Kleinod, die am Abend zur Bühne einer lokalen Musikgruppe wird. Keine Spur vom “Nur für die Touris und fürs Geld”-Gefühl. Stattdessen geht die ehrliche Freude der Menschen am Spielen, Singen und Tanzen mitten ins Herz. Während sich der klare Sternenhimmel über uns spannt, schweifen unsere Gedanken zur nächsten Station dieser Ecuador Reise: Welche Erlebnisse sie wohl für uns bereithalten wird?
Quilotoa: Flüssiges Juwel
Quilotoa ist einer dieser Orte, die man nicht vergisst. Die Farben des riesigen Kratersees wirken wie von einem anderen Stern, während wir ihn umrunden: Mal leuchtet er smaragdgrün, mal schimmert er unergründlich bläulich, mal zeigt er sich stahlgrau. Wir wandern entlang des Kraterrands und gelangen zu einer Aussichtsplattform. Hier wird das ganze Ausmaß dieses Naturphänomens bewusst. Die Quilotoa-Lagune ist das Ergebnis eines gewaltigen Vulkanausbruchs vor über 800 Jahren, der eine gewaltige Caldera von drei Kilometern Durchmesser hinterließ. Hier und da verkaufen Einheimische selbstgestrickte Mützen und Ponchos aus Alpakawolle. Der See ist für die Bewohner der umliegenden Gemeinden heilig, und auch wir können uns seinem Bann nicht entziehen. Nach unserer Wanderung breiten wir an einer windgeschützten Stelle eine Decke aus und genießen ein einfaches Picknick. Vor dieser Kulisse schmeckt es wie ein Festessen.
CUENCA – SCHMUCKES STÄDTCHEN
Cuenca ist die Überraschung schlechthin auf dieser Reise. Nach Stunden im Auto durch das ländliche Ecuador, vorbei an einfachen Holzhäusern, kleinen Märkten und Meerschweinchen auf den Speisekarten (wir probieren keines!), erreichen wir diese zuckersüße, junge Universitätsstadt. Sie zeichnet sich nicht nur durch ihre Architektur, sondern auch durch ihre Küche aus. Und bietet einige hervorragende Restaurants auf Sterne-Niveau, auch wenn sie noch nicht offiziell als solche ausgezeichnet wurden. Am Abend schwelgen wir nicht nur in unserem Essen, sondern auch im Blick von der Dachterrasse des Itza Hotel Boutique Internacional auf die glitzernden Lichter der Altstadt. Das Hotel ist so wunderhübsch wie seine Stadt und bietet nicht nur tolles Essen, sondern auch hervorragende Cocktails. Zudem wartet hinter seiner kolonialen Fassade lässiges modernes Design. Hier würden wir gerne länger bleiben.
Altstadt-Charme & Kulturperlen
Bei unserer Erkundungstour am nächsten Tag betört uns Cuenca einmal mehr: Rote Ziegeldächer leuchten im Sonnenlicht, französische Balkone sind mit farbenprächtigen Geranien geschmückt. Kopfsteingepflasterte Gassen führen zur altehrwürdigen Kathedrale mit ihren blauen Kuppeln, die mit zahlreichen kleineren, barocken Kirchen kontrastiert. Die Atmosphäre ist gelassen, fast mediterran. Studenten sitzen in Parks, Kinder spielen an Brunnen, alte Männer lesen Zeitung. Schöne Ideen für besondere Erlebnisse an diesem Ort sind ein Besuch des Keramikateliers von Eduardo Vega oder der Panamahut-Manufaktur von Homero Ortega. Für uns ist Cuenca einer der besten Orte in Ecuador, um in die von zahlreichen Strömungen beeinflusste Kultur einzutauchen. Das Land ist und bleibt aber unsere Empfehlung insbesondere für Naturliebhaber. Auch in der Region um Cuenca eröffnen sich nach kurzer Fahrt großartige Möglichkeiten für Wanderungen, zum Beispiel im Nationalpark Cajas.
ADIOS, ECUADOR!
Am nächsten Morgen fliegen wir zurück nach Quito. Vorher nehmen wir uns aber noch einmal Zeit, im Garten des Hotels Vögel zu beobachten, bevor alles erwacht. Ein Kolibri trinkt Nektar aus Blüten. So endet diese Reise, wie sie begonnen hat: Mit einem kleinen Wunder. Der Abschied fällt uns schwer. Nicht, weil wir das Gefühl haben, etwas verpasst zu haben – sondern weil wir spüren, dass dieses Land uns noch lange begleiten wird. Zurück in der Hauptstadt begreifen wir, wie viel wir mitnehmen: Bilder, Gerüche, Begegnungen.
Ecuador hat uns berührt, vor allem mit seiner Echtheit. Die Andenregion ist die perfekte Ergänzung zu den Galápagos-Inseln und dem Amazonas, um nach den weltberühmten Sehenswürdigkeiten ungeahnt stille Wunder zu entdecken.


